INGO LENßEN BEI "RIVERBOAT" 14.5.04 IM MDR

Gäste: Wildecker Herzbuben, Horst Krause (Schauspieler), Franziska Rubin (Ärztin und Moderatorin), Hartwig Gaider (Olympiasieger und Kuratoriumsmitglied für "Leipzig 2012"), Ingo Lenßen (Rechtsanwalt und TV-Jurist), Gustav Peter Wöhler (Schauspieler) und Erika Krause (Fernsehliebling)

Moderation:
Jan Hofer, Kim Fisher und Jörg Kachelmann

Einspieler über IL
Er hat tatsächlich Termine am Gericht, mit Talar und Angeklagten und Zuschauern. Wenn seine Mandanten verurteilt werden, müssen sie wirklich ins Gefängnis oder zahlen oder was auch immer. Und wenn der Fall die Öffentlichkeit sehr bewegt, dann kommt der Anwalt Ingo Lenßen auch mal ins Fernsehen. (Ausschnitte aus einer echten Verhandlung von IL) Hier kommt er garantiert auf die Mattscheibe (Ausschnitte aus RAH).
Was er bei RAH recherchiert, das sind fiktive Geschichten. Und er ist auch nur einer von mehreren Anwälten, die in der Gerichtsshow am Nachmittag agieren. Aber er macht es leidenschaftlich gerne, auch wenn der TV-Anwalt Lenßen dem realen Anwalt Lenßen in Meersburg am Bodensee ganz schön die Zeit stiehlt. (IL am Bodensee) Und seit rund einem Jahr gibt es auch noch den Lenßen Nr. 3, den mit dem Detektivbüro Lenßen und Partner. Hier geht´s nun richtig zur Sache mit den Ermittlungen. (Ausschnitte L&P) Zu Lenßen und seinen Partnern kommen die Leute mit den ungewöhnlichsten Anliegen. Vom Schreibtisch aus ist da meistens nicht viel zu machen. Action ist angesagt. Lenßen ermittelt und läßt ermitteln, jeden Tag, fünf Mal pro Woche einen Fall, das geht Schlag auf Schlag (IL beim Golfen).

Kim Fisher: Schlag auf Schlag. Herr Lenßen, ich schlaf ja jede Nacht mit ihnen ein.
IL: Das hör ich gerne!
KF: Jede Nacht wird das ja wiederholt, was sie da tagsüber drehen...
IL: Meistens.
KF: Ich kenn also wirklich, ich weiß, wovon ich jetzt gleich mit ihnen rede, ja. Von Lenßen und Partner, und was früher für mich Kinder-Krimikassetten zum Einschlafen waren, ist jetzt so Lenßens Geschichten abends.
IL: Das hör ich gerne.
KF: Ja. Was ist es denn für sie?
IL: Also das hör ich zum ersten Mal, und ich muß ihnen ganz ehrlich sagen, ich habe das vor ungefähr einem halben Jahr meinem Redakteur erzählt, daß ich mir das wünsche.
KF: Echt?
IL: Ja. Ich finde das schön, es hat irgendwas von einem in Anführungszeichen - die Erfolgsquote, die wir im Fernsehen aufzeigen, die ist ja nicht im realen Leben möglich. Das sind ja fast 100% bei L&P. Bei Alexander Hold ja nicht, da muß ich ja ab und zu auch mal richtig einstecken.
KF: Was heißt 100%?
IL: Ja, wir haben ja meistens Erfolg am Ende dieser Sendung, wir klären ja die Kriminalfälle auf.
KF: Ja. Alles wird gut.
IL: Ja, genau, es wird alles gut. Und es hat ja ein bißchen was von einem Märchen für Erwachsene. Und das find ich schön. Wenn man damit einschläft, wunderbar.
KF: Und mit diesem Ziel, mit dieser Zielsetzung haben sie das gemacht?
IL: Nein. Nein, überhaupt nicht. Ich hab das mit der Zielsetzung gemacht, eigentlich ohne Zielsetzung. Ich wollte Spaß haben. Ich bin ja zu dieser Fernsehgeschichte wie die Jungfrau zum Kinde gekommen. Vor ungefähr etwas mehr als zwei Jahren lag morgens ein Fax auf meinem Tisch: Herr Lenßen, haben sie Lust auf Fernsehen?
Und dieses Fax habe ich zunächst einmal auf die Seite gelegt..
KF: Da waren sie noch so ein schnöder, gewöhnlicher Anwalt.

IL: Genau, ich war ein ganz biederer Rechtsanwalt, und ich muß mich sehr wundern, diese ersten Bilder, die hier gerade in diesem Trailer gelaufen sind, die sind real gewesen, von einem Prozeß, zu dessen Zeitpunkt ich von Fernsehen noch gar nichts wußte. Deshalb wundert mich das, wo ihr die jetzt her habt.
KF: Sag ich ihnen danach, weiß ich jetzt auch nicht.
IL: Toll recherchiert! Gut, also, zurück zum Punkt: Ich bin gefragt worden, ob ich Lust zum Fernsehen hätte und ich dachte zuerst, man will mich auf den Arm nehmen. Und mein Bruder sagte mir dann, diese Firma, die dich da anschreibt, die ist sehr angesehen, die will dich nicht auf den Arm nehmen. Ruf doch da mal an, denn du hast doch Interesse an Filmen. Und ich ja damals, Fernsehen und Film war für mich damals das gleiche. Mittlerweile bin ich ja etwas auf den Boden gekommen und habe gemerkt, das ist ein himmelweiter Unterschied, und ich bin ein kleines Licht im Fernsehen vielleicht. Aber nichtsdestotrotz hat mich das so begeistert, als ich das erste Mal bei Alexander Hold war, und ich werde die Situation nie vergessen: Da saß ein Staatsanwalt da, der hatte schon zwei-drei Sendungen mitgedreht, und der sagte auf einmal, hör mal, du kannst hier lauter reden! Ich denk, hey, echt, lauter? Ich kann hier wie im Gerichtssaal so ´n bißchen?, also ´n Funken von "wie im Gerichtssaal" und das fand ich toll. Und dann das Miteinander. Da waren Leute, da waren Kameraleute, da waren Regisseure, die mir Dinge erklärten, und ich hab diese ganzen Lichter gesehen, das fand ich begeisternd!
KF: Echt, war das für sie die große weite Welt auf einmal?
IL: Es war für mich eine ganz andere Welt. Weil, sie müssen sehen, ich verteidige in Strafsachen, ich bin Strafverteidiger. Und wenn ich mit ´nem Menschen aus dem Gerichtssaal rausgehe, dann ab und zu oder meist - wir haben ´ne Freispruchquote in Deutschland von 3 bis 4% - meistens mit ´n paar Jahren Knast, die der gerade gefangen hat. Da gibt´s kein Lachen. Und da konnte ich auf einmal aus dem Gerichtssaal rausgehen von Alexander Hold und sag dem Angeklagten, hey, hat´s dir Spaß gemacht? Dat war aber jetzt schön, wat wa jemacht haben!
KF: Aber können sie mir jetzt mal sagen, wie ich sie als Klientin, als Mandantin, wie ernst kann ich sie dann eigentlich nehmen im Ernstfall?

IL: Die Frage stellt sich natürlich, hab ich mir am Anfang auch gestellt. Ist das für einen Strafvertidiger abträglich, in einer deutschen täglichen Court-Show mitzumachen oder aber nachher sogar noch Lenßen und Partner zu machen?
Ich trenne das sehr, und ich glaube meine Mandanten wissen das auch zu trennen, daß das eine Fernsehen ist mit großer Öffentlichkeitswirkung, und das andere ist der pure Strafverteidiger, der Woche für Woche in Gerichtssäle Deutschlands geht - mittlerweile nur noch Baden-Württembergs, weil ich die Zeit nicht mehr habe.
KF: Haben sie mehr Mandanten daraufhin bekommmen, oder sind´s eher weniger geworden, daß die gesagt haben, oh nee, ich will schon sehr anonym und ...
IL: Nein, natürlich, also das ist sicherlich ´n Punkt, über den man nachdenken kann. Daß Leute, wenn sie mit mir mittlerweile im Gerichtssaal gesehen werden damit rechnen müssen, daß ich auch mal nach ´m Autogramm gefragt werde. Und das ist sicherlich in dem Moment etwas unangenehm.
KF: Ich find das auch völlig deplaziert.
IL: Ja, das find ich auch. Und ich versuche das in dem Moment auch komplett abzukehren, d. h. ich mag das dann nicht,
weil ich möchte mich dem Mandanten in dem Moment hundertprozentig widmen, und möchte nicht da jetzt irgendwie mich noch dieser Fernsehverpflichtung verpflichtet fühlen, und lehne das dann auch ab. Meistens. Nach dem Prozeß ist mir das dann egal, aber bis ich aus dem Gerichtssaal raus bin, möchte ich das nicht haben.
KF: Also das Spannende ist ja, daß wir Zuschauer heimlich dabei sein dürfen, so ist das ja gemacht. Das find ich ja manchmal sooo schrill, weil´s so bekloppt gemacht ist. Also wenn ich das mal in aller Offenheit und Ehrlichkeit sagen darf.

IL: Natürlich, klar.
KF: Also neben den knackigen Detektiven, die natürlich auch noch relativ spannend für mich sind. Aber wie oft müßt´n ihr eigentlich selber lachen darüber, über das, was ihr da macht?
IL: Gar nicht!
KF: Wieso nicht?
IL: Überhaupt nicht. Weil wir wirklich, wenn wir drehen, voll bei der Sache sind. Und ich sag ihnen ganz ehrlich, wenn ein Mandant zu mir bei Lenßen und Partner in die Anwaltskanzlei kommt, in der wir drehen, ist das für mich genau das gleiche, als wenn ein Mandant reinkäme in meine wirkliche Kanzlei und ich mit dem das Gespräch führe. Das ist nicht lustig, der Mensch erklärt mir ein Problem. Der ist geprügelt von nervlicher Belastung, und das empfinden wir in dem Moment auch so. Wenn die Kameras aus sind, ist das was anderes.
KF: Und die Fälle, die ihr da teilweise habt, die sind ja doch sehr skurril. Gibt´s sowas wirklich oder sind die alle erfunden?
IL: Nein. Also die Fälle sind in ihrem Grundkonzept nicht erfunden. Das hat es so in unterschiedlichsten Konstellationen schon gegeben. Nur, die sind natürlich fernsehgerecht aufgearbeitet. Also bei uns laufen sicherlich einige Fälle im Rotlichtmilieu, und das ist nicht üblich, ne. Also so viele Fälle laufen da nicht im Rotlichtmilieu. Oder die Damen sind entsprechend leichter gekleidet. Oder es sind Beziehungskonstellationen in dem Fall drin, damit der Fall auch entsprechend Spannung bekommt.
KF: ... für die Quote.

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